Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

IMMO 2015: „Wir möchten das Ich im Wir finden“

Wir brauchen neue, kreative Wohnkonzepte, wenn diese mit der Lebensführung im 21. Jahrhundert Schritt halten wollen“, sagt Christiane Varga von der Zukunftsinstitut GmbH in Wien. Die Redakteurin und Referentin für den Bereich Wohnen des 1998 gegründeten einflussreichen Instituts ist Top-Referentin auf der IMMO-Messe der PZ am Wochenende 26. und 27. September im CongressCentrum Pforzheim.

IMMO 2015: „Wir möchten das Ich im Wir finden“

Top-Referentin der PZ-IMMO-Messe: Die Wienerin Christiane Varga referiert am 26. September ab 10.45 Uhr über Wohnkonzepte der Zukunft. Martin Joppen Photografie GmbH

Wir brauchen neue, kreative Wohnkonzepte, wenn diese mit der Lebensführung im 21. Jahrhundert Schritt halten wollen“, sagt Christiane Varga von der Zukunftsinstitut GmbH in Wien. Die Redakteurin und Referentin für den Bereich Wohnen des 1998 gegründeten einflussreichen Instituts ist Top-Referentin auf der IMMO-Messe der PZ am Wochenende 26. und 27. September im CongressCentrum Pforzheim.

PZ: Waren Sie schon mal in Pforzheim und was verbinden Sie mit dem Begriff Goldstadt?

Christiane Varga: Ich war als Kind häufiger in Pforzheim, da ich in Ulm aufgewachsen bin und meine Eltern hier Freunde hatten. Leider kann ich mich nicht mehr allzu gut an die Stadt erinnern und freue mich daher umso mehr, wieder einmal in Pforzheim zu sein.
Was ich noch weiß: Goldstadt bezieht sich auf die lange Tradition der Stadt als Schmuckindustrie. Ein schöner Beiname, welcher der Stadt eine besondere, individuelle Note verleiht. In Zeiten der Globalisierung umso wichtiger, da sich Städte und Regionen mit Blick auf ihre Vergangenheit ihrer Einzigartigkeit wieder bewusst werden können und so in der Zukunft als Standort attraktiver werden – für Industrie, Tourismus und Anwohner.

Was sind die Megatrends im Bereich Wohnkultur?

Megatrends sind, erst einmal allgemein gesprochen, die großen gesellschaftlichen Veränderungen unserer Zeit, die uns alle betreffen – jede Branche, die Kultur, Politik und natürlich den Einzelnen. Die bestimmenden Megatrends im Bereich Wohnen sind die demografische Entwicklung, also die Alterung unserer Gesellschaft, sowie Mobilität und Individualisierung.
Individualisierung bedeutet jedoch nicht, dass wir alle nur noch alleine leben wollen und uns die ausgefallensten Möbel kaufen – ganz im Gegenteil. Die Individualisierung ist bei uns schon so weit fortgeschritten, dass wir unser individuelles Ich wieder im Wir finden möchten. Weniger abstrakt gesagt: Individuen wollen wieder Teil einer Gruppe sein, einer Art Ersatz-, Zweit- oder Wahlfamilie. Gerade weil wir so mobil wie nie zuvor sind, gerade weil deswegen viele ältere Menschen ihre Kinder und Enkel nicht mehr in der unmittelbaren Nähe haben. Hier entstehen neue Nachbarschaftsmodelle und künftig wird immer häufiger nach einer adäquaten Architektur für diese Communities gefragt. Es bilden sich Baugruppen, Oldie-Wohngemeinschaften…

Sie werben für neue Wohnkonzepte – wie könnten die aussehen?

Flexible Lebensentwürfe unter einem Dach! Die vielkommunizierte „Alterung der Gesellschaft“ ist meistens negativ konnotiert – zu unrecht. Denn wir werden nicht nur älter, sondern bleiben, dank einem immer ausgeprägteren Gesundheitsbewusstsein sowie großen Fortschritten in der Medizin, auch länger jung. Gleichzeitig ist unsere Gesellschaft so mobil wie nie zuvor, immer weniger Menschen leben noch an dem Ort, an dem sie aufgewachsen sind, in einem Haus gemeinsam mit Eltern und Großeltern.
Daher macht es großen Sinn, verstärkt über gemeinsames Wohnen nachzudenken – mit so etwas wie einer „Wahlfamilie“. Es entstehen nun auch immer mehr Baugemeinschaften unter Bekannten oder Gleichgesinnten. Damit meine ich kein „Kommunen-Revival“ aus den 68ern. Sondern eine gute und durchdachte Mischung aus Privaträumen und Gemeinschaftsflächen. Letztere in Form von einem gemeinsamen Dachgarten, einem Gästezimmer für das ganze Haus oder einem gemeinschaftlichen Workspace. Die finanziellen und sozialen Vorteile liegen auf der Hand. Rentner, deren Kinder und Enkel in einer anderen Stadt leben, können mal auf die Kinder des alleinerziehenden Vaters aufpassen – der wiederum bringt dafür mal das Leergut weg. Und in Zeiten steigender Mieten in Ballungsräumen macht eine Gemeinschaftsinvestition großen Sinn.
Ein gelungenes Beispiel: Der Dachausbau eines Hauses in Wien in Form von unterschiedlich großer Würfelarchitektur, Tunesisches Dorf genannt.

Macht es Sinn, sich in Europa nach Feng-Shui-Gesichtspunkten einzurichten?

Feng-Shui hat schon seit einigen Jahren einen festen Platz im Möglichkeitsspektrum des Einrichtens. Die chinesische Harmonielehre hat es mittlerweile sogar bis auf unsere Friedhöfe geschafft: dort werden Grabstätten danach dekoriert. Die Lehre ist in unsere westliche Welt geschwappt, als sich immer mehr Menschen mit Spiritualität beschäftigt haben. Der Grund war die Sehnsucht nach Ausgleich und Harmonie. Seither ist unsere Welt noch komplexer geworden – NSA-Skandale und Flüchtlingsmigration bestimmen die Medien, die Digitalisierung führt zu einer gefühlten Beschleunigung des Alltags und einem gewissen Kontrollverlust. Daher richten sich heute viele wieder gemütlich ein, wir nennen das den Trend des Neo-Biedermeier. Feng-Shui ist hier eher eine mögliche Kategorie und ortsunabhängige Glaubensfrage. Wenn es für den Einzelnen Sinn macht, warum nicht.

Was sind eigentlich die Unterschiede im Einrichtungsgeschmack zwischen Deutschen und Österreichern?

Keine leicht zu beantwortende Frage, da es in Zeiten der Globalisierung immer schwieriger wird, zwischen „den“ Deutschen und „den“ Österreichern zu unterscheiden – zum Glück! Unsere Kulturen vermischen sich zunehmend und jeder bringt seinen eigenen Geschmack mit, der geprägt ist von vielen Reisen und Lebensstationen. Zumal Bayern den Österreichern geografisch und kulturell viel näher steht als etwa Hamburg. Eine Stadt wie Wien ist mit den vielen Prachtbauten aus der K.u.K.-Zeit dennoch eher opulent geprägt, was sich teilweise auch in der Einrichtung widerspiegelt.

Von Das Gespräch führten Lothar Neff und Cornelius Berends

Am 23.09.2015

Artikel teilen